Seite auswählen

Ist Validation das richtige Werkzeug für Sie und Ihre Eltern?

von | Apr 18, 2016 | allg. Demenz-Infos, Allgemein, Map-Service, PDF-Hilfen, Pflege allgemein, Validation

Interview mit der Validationsexpertin Heidrun Tegeler.

Dieser Blog-Beitrag ist etwas länger geworden. Wenn Sie gezielt Inhalte ansteuern möchten, können Sie dies per Klick auf folgende Abschnitte erreichen.

In diesem Blog-Beitrag geht es darum Ihnen die Methodik der Validation vorzustellen und den möglichen Nutzen für Ihre Familie näher zu bringen.

Ich habe diese Methode Anfang 2014 kennengelernt, selber mit meinem Vater praktiziert und in unsere Familie weitergegeben.

Nach einem Workshop in Hamburg mit Naomi Feil (der Begründerin der Validation) und ihrer Tochter Mitte März 2016 habe ich mit Heidrun Tegeler ein Interview geführt. Hierzu etwas später mehr.

Bei den beiden am Markt verfügbaren Angebote handelt es sich grob gesagt um Methoden der einfühlsamen (empathischen) und wertschätzenden Kommunikation mit einem an einer Demenzform erkrankten und/oder desorientierten Menschen.

Den Ursprung der Validationstechnik legte die Gerontologin Naomi Feil in den Achtzigern. Zusammen mit Ihrer Tochter Vicki de Klerk-Rubin, die in Holland lebt, aktualisiert die heute 84 Jährige regelmässig ihre Methode anhand neuer gewonnener Erkenntnisse, z.B. aus der Alzheimerforschung und aus den Fallbeispielen der Validations-Anwender. Feils Schülerin Nikole Richard (✝ Juli 2014) entwickelte eine eigene Version und nannte diese Integrative Validation (IVA)® nach Nicole Richard.

„Wann fahren wir nach Hause?“

Bei mir entstand der Bedarf für eine Hilfestellung für die Kommunikation mit meinem Vater zu einem Zeitpunkt, an dem er sich in der frühen zweiten Phase der Alzheimer Demenz (mittelschwere Demenz) befand und wir für ihn die Pflegestufe 2 zugesprochen bekamen.

Er war in der Nacht immer sehr aktiv und meine Mutter konnte nicht mehr 7 Tage und Nächte rund um die Uhr für ihn verfügbar sein. Die vielen Unterbrechungen und schlaflosen Nächte raubten ihr viel Kraft und Energie. Deshalb übernahmen wir Kinder immer öfters die „Nachtschicht“ und schliefen bei ihm im Ehebett unserer Eltern. Gut, „schliefen“ ist ein dehnbarer Begriff;-)

Neben vielen noch recht klaren Gesprächen vermischten sich immer öfters verwirrte Gedanken in unsere nächtliche Unterhaltung. Er suchte sein Fahrrad. Hörte Einbrecher. Wollte schnell nach Hause. Fragte, wo wir uns befanden. Bat mich ihm zu helfen, da er gleich zu einem wichtigen Meeting in die Firma müsse.

Reflexartig wiegelte ich ab, wiederholte gebetsmühlenartig, dass wir hier in seinem Haus wären oder dass er sich doch schon seit über 15 Jahren im Ruhestand befände. Überzeugt hat ihn das nur sehr selten. Gelegentlich gab es heftige Reaktionen.

Zu dieser Zeit bekam ich von der Bremer Demenz Informations- und Koordinationsstelle (DIKS) den Hinweis über ein zweitägiges Seminar für Pflegefachkräfte und Angehörige zum Thema Validation. Ich fragte bei der Pflegekasse meiner Eltern nach und diese übernahmen ganz unbürokratisch die Kosten. Als einziger männlicher Teilnehmer war ich dann auch der einzige, der sich bei der Vorstellungsrunde als Angehöriger outete.

Basiswissen zur Validation

In dem Seminar wurde an zwei Tagen von Heidrun Tegeler, die eine von drei in Deutschland tätigen Validations-Mastern ist, die Grundlagen der Validation vermittelt. Neben der theoretischen Wissensvermittlung wurden mit vielen Übungen und Rollenspielen erste Erfahrungen in der Anwendung der Validationstechniken trainiert.

Dabei lernte ich, dass das Zusammenwirken dieser drei grundlegenden Ebenen den Erfolg der Validation ausmacht:

  • Meine eigene Grundhaltung. Meine einfühlsame, urteilsfreie Einstellung
  • Das theoretische Wissen über den Validationsprozess
  • Der gezielte Einsatz der verbalen und nonverbalen Techniken

Diese drei Säulen basieren auf insgesamt 11 Prinzipien, die Frau Feil im Laufe ihrer Arbeit mit alten desorientierten Menschen entwickelt hat. Das liest sich jetzt vielleicht etwas kompliziert – ist aber gar nicht so komplex. Nachfolgend können sich die daran interessierten Leser diese Validations-Prinzipien auflisten lassen:

Hier klicken, um die Validations-Prinzipien anzuzeigen

Neben den verschiedenen Demenzformen können andere Faktoren für eine zunehmende Desorientierung und Verwirrtheit verantwortlich sein. Nach Feils Überzeugung sind hierfür drei Verlustbereiche die maßgebliche Ursache, wenn nicht eine physische Ursache wie z.B. z. B. die Alzheimer Demenz die Begründung für verändertes, zunehmend demenzielles Verhalten legt.

  • Körperliche Verluste – insbesondere Beeinträchtigungen der Sinnesorgane, Mobilität und kognitive Eigenschaften
  • Psychologische Verluste – Einsamkeit, Scham, Unsicherheit, Passivität (Rentnersein), Tod von Freunden und Verwandten, unverarbeitete Konflikte
  • Soziale Verluste – Rollen und Verantwortlichkeiten gehen verloren: Erwerbstätigkeit, Mutter- und , Vaterrollen etc.

Nach Feils Ansicht können eine Häufung dieser Verluste, gerade wenn sie nicht mit anderen, verständnisvollen Menschen besprochen und damit verarbeitet werden, zu einer zunehmenden Desorientierung und zu einem stetigen Rückzug in eine eigene Welt führen.

Die Validation bedient sich für die verschiedenen Phasen der Entwicklung von mangelhaft orientierten und desorientierten alten Menschen unterschiedlicher Techniken. Diese „Werkzeuge“ werden zielgerichtet für bestimmte Entwicklungsphasen eingesetzt und lassen sich in verbale und nonverbale Techniken unterteilen.

Die oftmals zeitlich aufeinander aufbauende Entwicklung umfasst vier Phasen. Der zeitliche Ablauf muss aber nicht dogmatische betrachtet werden. Da können sich Phasen überlappen oder Sprünge hin und her sind zu beobachten.

  • Phase 1: Mangelhafte Orientierung – die Menschen sind zumeist lückenhaft orientiert (kurze oder längere Aussetzer) und oft unglücklich in ihrer Gefühlslage
  • Phase 2: Zeitverwirrt – Ein Abdriften in die Vergangenheit und zunehmender Verlust der kognitiven Eigenschaften
  • Phase 3: Sich wiederholende Bewegungen – Gefühle und Mitteilungen werden nicht mehr verbal geäußert. Körperliche Aktionen ersetzen die Sprache
  • Phase 4: Vegetieren – Keiner hat geholfen oder konnte den emotionalen Rückzug nach innen stoppen oder verlangsamen

Das zeitliche Zusammenspiel von Verlusten in den drei Dimensionen und den Veränderungen im Verhalten älter werdender Menschen habe ich versucht in dieser schematischen Darstellung zu veranschaulichen:

Verlustdimensionen und Phasen der Aufarbeitung

Verlustdimensionen und Phasen der Validation nach Feil

Botenstoffen im synaptischen SpaltBei der Alzheimer Demenz sind körperliche Verluste (Störungen der Botenstoffe im Kommunikationsprozess zwischen den den Synapsen in den Gehirnzellen) der Auslöser neurodegenerativer Entwicklungen.

Je nach Umgang mit der Krankheit in der Familie kann es auch zu Verlusten in den psychologischen und sozialen Dimensionen kommen.

Oft wird immer noch versucht, den Beginn der Krankheit im privaten Umfeld zu verschweigen. Schamgefühle und Ängste, nicht mehr als Vollwertig angesehen zu werden, quälen die Betroffenen und ihre Partner.

Wenn die Symptome zu offensichtlich werden, wird der soziale Kontakt eher abgebrochen als offensiv die ehrliche Kommunikation zu suchen.

Der Demenzverlauf mit seinen drei Phasen passt sich gut in die vier Phasen der Validation ein. Wie bereits gesagt kann es hier immer zu Verschiebungen und Sprüngen kommen. Kaum eine demenzielle Erkrankung gleicht sich im Verlauf mit einer anderen.

Phasen der Aufarbeitung im Kontext mit der Alzheimer Demenz

Phasen der Validation im Kontext mit der Alzheimer Demenz

Soweit ein paar hoffentlich nützliche Informationen über die Validation vorab zum Verständnis.

Naomi Feil und Tochter Vicki de Klerk-RubinIm März hatte ich die Gelegenheit, Naomi Feil und ihre Tochter Vicki de Klerk-Rubin in Hamburg kennenzulernen.

Sie besuchen seit vielen Jahren europäische Städte und informieren in Tagesworkshops über ihre Methode.

Diese Veranstaltungen sind sehr unterhaltsam und ich war erstaunt wie agil, motivierend und charmant Naomi Feil durch die Zuhörerreihen „brauste“ und das Publikum durch kleine Rollenspiel in ihren Vortrag sehr lebendig einbezog.

Frau Feil wurde 1932 in München geboren. Ich würde mich freuen, wenn ich mit 84 Jahren auch nur annähernd noch so dynamisch einen mehrstündigen Vortrag vor 300 Menschen halten kann. Respekt!

Und nun das Interview

Interview Validation Hendrik DohmeyerHallo Frau Tegeler, wie sind Sie an das Thema Validation gekommen?

Interview Validation Heidrun Tegler Ich habe 1991 bei der Paritätischen Gesellschaft für soziale Dienste eine Beratungsstelle chronisch Kranke ältere Menschen und deren Angehörige geleitet.

Hier bin ich viel unterwegs gewesen habe die alten Menschen zu Hause aufgesucht und festgestellt, dass ihr Verhalten manchmal etwas seltsam war und beim zweiten und beim dritten Besuch eine Desorientierung immer offensichtlicher wurde.



Mir wurde bewusst, dass ich für solche Situationen kein geeignetes „Handwerkszeug“ gelernt hatte, um diesen Menschen in ihrer speziellen Situation angemessen zu begegnen.



Dann hatte ich überlegt, was kann ich tun, habe viel gelesen und bin über Literatur und einen Workshop in Stuttgart auf die Validation gestoßen. Nach diesem Workshop habe ich lange mit Frau Feil gesprochen, der Begründerin der Validations-Methode, und hab gefragt wo man Validation lernen kann – ich war angestochen, sozusagen.



Daraufhin bin ich nach Berlin gegangen und habe eine Ausbildung als Validations-Anwenderin absolviert.

Interview Validation Hendrik Dohmeyer Können Sie den Sinn von Validation kurz beschreiben?

Interview Validation Heidrun Tegler Validation ist ja eigentlich eine Kommunikationsmethode, die mit jedem Menschen umgesetzt werden kann. Kommunikation beginnt beim Säugling und endet bei einem sehr alten Menschen. 



Das Besondere an Validation – der Begriff Valide steht für wahr halten – ist abzuleiten aus der Emotion der desorientierten Menschen, die nämlich ihre ganz persönliche emotionale Wahrheit haben, die Wahrheit die nicht unbedingt mit der unsrigen im Hier und Heute übereinstimmt.



Ich gehe in der Validation nicht gegen diese Wahrheiten vor, weil die Kognitionen nicht mehr vorhanden sind.

Ich will dann nicht konfrontieren, sondern ich gehe auf die emotionale Ebene, lasse meine eigenen Gefühle zur Seite und versuche zu empfinden, was dieser mangelhaft orientierte oder desorientierte Mensch gerade empfindet und spürt.



Ich baue eine Brücke in seine Welt, die nicht meine Welt ist, um zu erspüren was beschäftigt ihn eigentlich. Was ist das, was ihn umtreibt.

Und, ich werte es nicht, ich beurteile es nicht sondern ich nehme seine persönliche Wahrnehmung als wahr an. Das ist seine Wirklichkeit, nicht meine.

Interview Validation Hendrik Dohmeyer Können Sie die Technik der Validation kurz beschreiben?

Interview Validation Heidrun Tegler Es ist eigentlich aktives Zuhören. Naomi Feil hat sich bei der Entwicklung der Validation sehr stark auf die Techniken von Carl Rogers berufen. Es ist so etwas wie aktives zu hören wenn mir jemand etwas sagt, ich es mit eigenen Worten wiederhole und mit einer offenen Frage weiter gehe.



Diese offenen Fragen werden mit den W-Wörtern formuliert: wer, wann, wie, wo, was.



Wichtig ist, dass ich auf das warum verzichte. Wie gesagt will ich nicht konfrontieren, weil wenn ich konfrontiere irritiere ich den anderen.



Ich gehe vor wie ein Reporter und lass mir die Informationen von dem Menschen, der vielleicht nicht mehr ganz orientiert ist, erläutern.



Das ist eine Möglichkeit um mit Menschen umzugehen die noch verbal sind und sich in der Phase 1, der mangelhaften Orientierung oder der Phase 2, der Zeitverwirrtheit, befinden. 



Wer nicht mehr verbal ist, wer sich zum Beispiel durch wiederholende Bewegungen oder wiederholende Laute äußert – ist in der Phase 3.

Hier nutzen Fragetechniken nicht mehr so viel. Hier muss ich anders vorgehen.



Ankernde Berührungen in der ValidationMit sogenannten verankerten Berührungen kann ich versuchen eine emotionale Brücke zu diesen Menschen zu bauen. Dies sind z.B. die mütterliche Berührung im Gesicht, die väterliche Berührung am Kopf oder die partnerschaftliche Berührung.

Aber auch eine unverfängliche Berührung an der Schulter kann die Welt der Gefühle öffnen.



Ganz wichtig ist auch der Augenkontakt. Ich gehe immer auf Blickkontakt und halte diesen Augenkontakt. Ich kann jemanden mit meinen Augen anziehen. Dann sind wir durch einen Bann verbunden.

Interview Validation Hendrik DohmeyerDie in Deutschland ausgeschriebenen Kursangebot erwecken den Eindruck, dass Validation eher im professionellen, stationären und ambulanten Pflegebereich genutzt wird.

Über 70 Prozent der Pflege wird aber von Angehörigen daheim geleistet. Ist Validation für den Partner als Erstpfleger zu schwer zu erlernen?


Interview Validation Heidrun Tegler Ja, natürlich ist die Validation dort einsetzbar. Das war ja für mich eine Hauptmotivation. Ich komme ja aus dem ambulanten Bereich, nicht aus der Pflege. 



Ich denke, dass genau dieser Bereich noch sehr stark unterbelichtet ist. Das, was pflegende Angehörige leisten wird viel zu wenig gesehen, wird viel Zuwenig anerkannt. Das ist ein Problem.

Dazu kommt, dass diese Menschen, die mit der Pflege, mit der Betreuung ihr Liebsten zu tun haben, manchmal ihre desorientierten Menschen noch verstecken. Verstecken, weil sie Angst haben, sie passen nicht in unser gesellschaftliches Bild und das darf nicht auffällig werden.



Was ich möchte ist, mit Validation genau da anzusetzen, dass diese Hemmungen genommen werden, dass diese Menschen als einzigartig und liebenswert angesehen werden. So wie sie sind.

Sie sind keine Kinder aber sie werden manchmal wie Kinder behandelt. Sie sind erwachsene Menschen und all ihre Lebenserfahrung, ihre Emotionen haben sie in ihrem Rucksack und können sie auch nicht absetzen.

Ich glaube, da ist noch ganz viel Öffentlichkeitsarbeit zu leisten.



Aber wenn ein Angehöriger Grundlagen der Validation für sich annehmen kann, erfahren kann, 
dann hat er für sich selbst eine ganz große Hilfe.

Er oder sie hat ein Werkzeug und kann eine Brücke zu seinem liebsten, desorientierten Menschen bauen.

Es ist nichts, was nur für Professionelle gedacht ist. Jeder Mensch kann in jeder Situation Validation benutzen.

Wichtig ist, dass er lernt mit den eigenen Emotionen umgehen zu können, sie zu kennen und die eigenen Gefühle einen Moment an die Seite zu stellen, um sich ganz auf den anderen Menschen einzulassen.

Dies ist bei Angehörigen manchmal schwieriger als bei Professionellen, weil es da vielmehr Emotionen und Erinnerungen gibt, die dann ausgeblendet werden müssen.

Interview Validation Hendrik Dohmeyer Ich habe ja selbst bei Ihnen einen zweitägigen Kurs besucht, bei dem ich als Angehöriger einen sehr exklusiven Status hatte;-)

Was ich dort unter anderem mitgenommen habe ist, dass die intimen Kenntnisse über die Biographie des desorientierten Menschen eigentlich sehr hilfreich ist, um eine echte Empathie zu entwickeln.



Aufgrund der gemeinsamen Familienbiographie müsste doch eine ideale Basis für die Validation vorhanden sein, oder ist da die Beziehung schon wieder zu eng und persönlich?


Interview Validation Heidrun Tegler Angehörige haben eine sehr große Ressource, dadurch dass sie einen Teil der Biografie sehr gut kennen. Alles werden sie nie kennen, weil z.B. die Kindheit und die Erlebnisse in der Jugend nicht miterlebt wurden. 



Dieses Wissen ist also einerseits ein Vorteil. Andererseits fällt es den nahen Angehörigen aber deshalb auch schwerer, ihre eigenen Emotionen beiseite zu stellen.

Wenn sehr emotionale Konflikte vom desorientierten Menschen thematisiert werden, bei dem man selber betroffen war, ein Stichwort ist hier z.B. Gewalt in der Familie, dann benötigt man selber erst einmal jemanden, mit dem man dies besprechen kann.



Wenn z.B. die Mutter vom Vater in der Ehe betrogen wurde ist es sehr hilfreich, wenn sie dieses Erlebnis, diesen Konflikt mit dem Sohn, der Tochter oder anderen nahestehenden Menschen besprechen und für sich selber aufbereiten kann.

Oft fällt es dann leichter, die eigenen Emotionen dann für den Moment der Validation beiseite zu stellen. 


Interview Validation Hendrik Dohmeyer Die Entwicklung der Alzheimer-Demenz wird ja klassisch in drei Phasen gegliedert. Wo sehen Sie den größten Nutzen der Validation?


Interview Validation Heidrun Tegler Die verbalen Techniken der Validation nutze ich gerne in der ersten und anfänglichen zweiten Phase, um auch die Sprachfähigkeit möglichst lange zu erhalten, soweit es möglich ist.



Wenn dann die Situation kommt, dass die Sprache wirklich zurückgeht und jemand sich nur noch durch wiederholende Bewegungen oder durch Laute mitteilen kann, dann kann ich jemanden halten und ankern.

Dies erfolgt immer über Berührungen und hier insbesondere die geankerten archaischen Berührungen.

Wenn jemand sagt, „ ich muss nach Hause, ich kann hier nicht mehr bleiben“, dann vermisst er etwas. Aber was ist dieses „Zuhause“? Oft ist es das Symbol für Sicherheit.

Dieser Mensch sehnt sich nach Schutz und dann setze ich oft die geankert archaische Berührung der Mutter an dann fühlt diese Person die Mutter, fühlt die Sicherheit.

Als Ergebnis muss sie dann nicht mehr gehen. Diese Ankerpunkte haben eine nachhaltige Wirkung und ich kann sie immer wieder am Tag einsetzen.

Neben der Berührung spreche ich natürlich auch mit der Person oder ich singe manchmal auch ein Lied dazu. Musik kommt fast immer sehr gut an. Ein Lied, das diese Person kennt und das sie vielleicht mit den eigenen Kindern oder mit ihrer Mutter gesungen hat. 


Interview Validation Hendrik Dohmeyer Ab wann sollten sich Familien mit dem Thema Validation beschäftigen?


Interview Validation Heidrun Tegler Validation verändert die gesamte Haltung eines Menschen. Es ist wertschätzende Kommunikation und es bedeutet, dass ich mit viel mehr Achtsamkeit und Aufmerksamkeit meinem Gegenüber begegne.

Mit Validation ist nichts mehr selbstverständlich und es öffnet die Augen für einen anderen Blick und ich nehme mit allen Sinnen ganz anders wahr. 



Je eher ich das auch in mir spüre und so lebe, desto eher überträgt es sich auch auf andere Menschen, auf mein ganzes Umfeld. Es macht das Leben leichter und viel, viel reifer und feiner. Es sensibilisiert für die Dinge, die tatsächlich da sind verändert die Lebensqualität des Einzelnen.

Das heißt, Validation ist in erster Linie etwas für mich selbst, was ich nutzen kann, das mich bereichert.



In der Anwendung mit dem desorientierten Menschen ist selbst schon im Lernprozess eine Sensibilisierung für das was geht und für das was nicht mehr geht möglich.



Ich kann also nur empfehlen, sich möglichst früh mit dem Thema der einfühlsamen Kommunikation zu beschäftigen und da bietet die Validation einen schönen Baukasten mit Werkzeugen an. 


Interview Validation Hendrik Dohmeyer Bei der Validation haben die Kinder und Enkelkinder ja immer zwei Lernziele.

Einerseits lernen Sie die Grundlagen und die Techniken um selber mit dem Vater, der Mutter oder dem Opi und der Omi möglichst lange eine kommunikative Brücke zu schlagen.

Andererseits nehmen sie ja auch die Rolle als Coach insbesondere für den Partner als Erstpfleger ein. Dieser soll ja auch in stark desorientierten Phasen den Zugang aufrechterhalten.

Denken Sie das diese Coachingleistung durch die Kinder und Enkelkinder erbracht werden kann?


Interview Validation Heidrun Tegler Ich bin überzeugt davon, dass dies möglich ist.

Dieser Prozess ist an sich schon wieder einen neue große Ressource. Es ist oft auch notwendig, dass die direkten Angehörigen, die in der tagtäglichen Pflege sind, von weiter außerhalb stehenden unterstützt werden.

Sie sind oftmals nicht in der Lage, sich so ohne weiteres selber zurückzunehmen. Von daher brauchen sie ein Übungsfeld, ein coaching, also eine Begleitung beim Erlernen und Üben der Validationstechniken.

Interview Validation Hendrik Dohmeyer Könne Sie sich vorstellen, dass Validationswissen auch über ein E-Learning Seminar an Angehörige vermittelt werden kann?

Interview Validation Heidrun Tegler Ich kann mir das sogar sehr gut vorstellen, dass das ein besonders guter Weg ist. So etwas ist ja zu jeder Zeit nutzbar.

Angehörige können gucken, wann sie Ressourcen haben und dann das individuell nutzen und sich vor ein solches Programm setzen.

 Es sind keine festen Zeiten und man muss auch nicht irgendeine Institution aufsuchen sondern kann es zu Hause lernen.

Die Kinder und Enkelkinder nutzen ja diese Technik, den Computer, ja tagtäglich und es ist nichts Fremdes mehr für sie.



Schwieriger sehe es bei den älteren Menschen, denen oftmals der Zugang zur Technik fehlt und das man das im höheren Alter vielleicht nicht mehr so erlernen kann oder will.

 Aber ich kenne auch viele Seniorengruppen, wo der Umgang mit dem Internet gelernt wird. Für Senioren gibt es auch sonst schon sehr viele Angebote im Internet.

Interview Validation Hendrik Dohmeyer Wie würde es dann aber bei so einer Schulung mit den Übungen aussehen? Im klassischen Seminar habe ich ja andere Teilnehmer, mit denen ich üben kann.


Interview Validation Heidrun Tegler Zum einen könnte ich mir vorstellen, dass wenn die Familie ein gutes Verhältnis untereinander hat – und davon gehe ich aus, weil sie sich ansonsten wohl eher nicht mit dem Thema Validation beschäftigen würden – dann kann man die Übungen auch in der Familie miteinander praktizieren.



Zum anderen müssen die Techniken nicht immer gleich zu Beginn fehlerfrei angewendet werden. Wir sind Menschen und die Techniken werden von Mensch zu Mensch angewandt. 

Wenn etwas nicht gleich funktioniert, dann merken wir das sehr schnell über die Rückmeldung. So oder so. Wir lernen dadurch und können Übungen wiederholen.


Interview Validation Hendrik Dohmeyer Frau Tegeler, ich danke Ihnen herzlich für das Gespräch.

Mein Fazit und meine Empfehlung für Sie:

Vorbemerkung:

Die Validationsmethode nach Naomi Feil ist eine von verschiedenen Angeboten, die die Kommunikation mit an einer Demenz erkrankten Menschen verbessern sollen. Ich werde mich auch noch mit der eingangs bereits erwähnten Methoden von Nicole Richard und mit dem „EduKation demenz®“ Konzept von Sabine Engel beschäftigen (die Abkürzung steht für: ‚Entlastung durch Förderung der Kommunikation bei Demenz‘) und bei nächster Gelegenheit hier Ihnen auch vorstellen.

Ist Validation das richtige Werkzeug für Sie und Ihre Eltern?

Letztendlich müssen Sie das natürlich selber entscheiden. Ich kann Ihnen die frühzeitige Beschäftigung mit dem Thema „der einfühlsamen (emphatischen) und wertschätzenden Kommunikation“ aber nur dringlichst empfehlen.

Nun kann man sich natürlich fragen, ob Menschen, die von sich behaupten können, dass sie ohnehin sehr einfühlsam sind und Empathie aufbringen können, eine Validationsmethode nötig haben. Ich meine ja!

Diese Eigenschaften werden mir von meinem persönlichen Umfeld nämlich auch zugeschrieben, dennoch habe ich in vielen Situationen mit meinem Vater gespürt, dass ich nicht den richtigen „Draht“ zu ihm gefunden habe. Ich erwähnte eingangs als Beispiel unsere nächtlichen Gespräche.

Anders ausgedrückt: „Kommunikation ist das, was bei dem anderen ankommt“ und wenn ich mit meiner Sicht und Interpretation der aktuellen „Wahrheit“ nicht weiter komme, dann muss ich andere Wege finden.

Meine Erfahrungen

Anfangs war für mich die empfohlene Zentrierung und das Ausblenden meiner eigenen Emotionen schwierig.

Und auch das Umstellen von logischen Erklärungen („Du bist doch hier in Deinem Haus“, „Du bist doch Rentner und musst nicht mehr zur Arbeit“) zur Nutzung der W-Fragetechnik benötigte einige Übungen.

Aber es funktionierte alles zunehmend besser. Ich behaupte, dass wir mit der bewussteren Anwendung einer einfühlsamen und wertschätzenden Kommunikation viele Stresssituationen vermeiden konnten und ein insgesamt oft viel erträglichere Situation von desorientierten Momenten für alle erreicht haben.

Sehr schön war auch, dass wir auf den Gebrauch der von Fachleuten als „therapeutische Lüge“ bezeichneten Notlösung weitestgehend verzichten konnten. Wie bei jeder Lüge hat man nämlich auch bei der Notlüge immer ein emotional schlechtes Gewissen zur Folge und es belastet die Beziehung.

Ich kann der Aussage von Frau Tegeler im Interview: „Validation verändert Ihre Haltung“ zustimmen. Und diese Haltung hat auch eine Außenwirkung auf andere Menschen in Ihrem Hilfenetzwerk.

Wir Kinder in der Rolle des Coachs

Mit meiner Mutter hatte ich damals kein „Coaching“ unternommen. Mir war der Nutzen damals noch nicht so bewusst. Ich hatte ihr vom Validations-Seminar berichtet und grob die Methode und die Techniken erklärt.

Dadurch, dass ich oft Stress-Situation begleitet, konnte ich am praktischen Beispiel zeigen, wie ich mein gelerntes Wissen einsetze. Oft musste ich innerlich schmunzeln, wenn ich dann später ein verändertes Verhalten bei ihr entdecken konnte und habe mich sehr darüber gefreut.

Das Erlernen der Grundzüge der Validation ist für Sie als Angehöriger nicht so komplex und gut in einen zwei- bis dreitägigem Seminar machbar.

Im Gegensatz zu professionellen Fachkräften in der Pflege müssen Sie sich nicht um ein breites Anwendungsspektrum von desorientierten Situationen und Phasen einarbeiten. Ihr Fall in der Familie ist so, wie er eben im Moment ist und darauf können Sie sich konzentrieren.

Auf spätere Veränderungen können Sie sich nach und nach einstellen und neue Techniken dann Ihrem Wissenspotential hinzufügen.

Leider gibt es bezogen auf die Wirksamkeit und den Nutzen der speziellen Situation: „Kinder und Enkelkinder als Coach / Begleiter beim Erlernen der Validation bei den Eltern“ noch gar keine Untersuchungen. Insofern muss hier das „Bauchgefühl“ den Ausschlag geben.

Binden Sie frühzeitig Ihre Mutter oder Vater in den Schulungs-Prozess einer einfühlsamen (empathischen) und wertschätzenden Kommunikations-Methode ein. Optimalerweise schaffen Sie es zu organisieren, dass sie beide an einer Schulung teilnehmen können.

Schlusswort

Insgesamt kann man sagen, dass in Deutschland, aber auch weltweit, bisher wohl keine andere Kommunikationsmethode so viel zur positiven Veränderung des Verhaltens gegenüber Menschen mit einer Demenzerkrankung bewirkt hat, wie die Validation.

Wenn Sie noch Fragen zum Thema Validation haben, können Sie sich auch gern an Frau Tegeler wenden.

Um Ihnen den Zugang zu den in Deutschland, Österreich und in der Schweiz angebotenen Kursen und Seminaren zu erleichtern, habe ich den Validationstrainern die Möglichkeit gegeben, Ihre Kurse hier für Sie vorzustellen. Bei Interesse können Sie Ihre Teilnahme dort direkt buchen.

Seminartermine Validation für Angehörige

Keine Veranstaltungen
Lade Karte ...

Alle 2 Wochen neue Infos vom Demenz Blog?

 

Wenn Sie alle zwei Wochen meinen Newsletter erhalten möchten, tragen Sie bitte Ihre E-Mail Adresse hier ein.

Wichtig! - Sie bekommen gleich eine E-Mail von mir. Bitte bestätigen Sie diese. Erst dann erfolgt Ihr Eintrag (wg. Datenschutz). Überprüfen Sie ggfs. bitte Ihren Spam-Filter.

Share This